Rundbrief III/2008 – Im Labyrinth der Labels – Nachhaltigkeit durch Zertifizierung?

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Rundbrief III/2008 – Im Labyrinth der Labels – Nachhaltigkeit durch Zertifizierung?

 

Das aktuelle Heft des Rundbriefs hat den Schwerpunkt Zertifizierung – eine Wachstumsbranche besonderer Art. Wer nachhaltig wirtschaften will – oder muss – muss das im Ernstfall auch nachweisen können. Dies gilt sowohl für die Produkteigenschaften – etwa einen ökologisch angebauten Apfel – als auch für die Produktionsweise – beispielsweise fair gehandelten Kaffee. Damit dieser Nachweis glaubwürdig ist, muss er von Dritten anhand transparenter Kriterien erbracht werden. Damit sind wir bei der Zertifizierung. In dem Maße, in dem auch aufgrund der Arbeit von NGOs nachhaltige Produktionsprozesse beim Verbraucher immer mehr en vogue sind, beobachten wir heute eine regelrechte Inflation von Labels aller Art.

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Beschreibung

Das aktuelle Heft des Rundbriefs hat den Schwerpunkt Zertifizierung – eine Wachstumsbranche besonderer Art. Wer nachhaltig wirtschaften will – oder muss – muss das im Ernstfall auch nachweisen können. Dies gilt sowohl für die Produkteigenschaften – etwa einen ökologisch angebauten Apfel – als auch für die Produktionsweise – beispielsweise fair gehandelten Kaffee. Damit dieser Nachweis glaubwürdig ist, muss er von Dritten anhand transparenter Kriterien erbracht werden. Damit sind wir bei der Zertifizierung. In dem Maße, in dem auch aufgrund der Arbeit von NGOs nachhaltige Produktionsprozesse beim Verbraucher immer mehr en vogue sind, beobachten wir heute eine regelrechte Inflation von Labels aller Art.

 

Was da nicht alles zertifiziert wird: dass bereits die Biolandwirtschaft und der faire Handel eine ganze Palette unterschiedlicher Labels hervorgebracht haben, deren Unterschiede allenfalls Insider noch durchschauen – daran haben wir uns längst gewöhnt. Und für Ignoranten, die der Unterschied zwischen Demeter und Bioland nicht interessiert, gibt es inzwischen auch die übergreifenden Öko-Logos der EU und der Bundesregierung. Inzwischen wird aber immer mehr zertifiziert: nachhaltig und fair gefangener Fisch (aus FischSicht wohl ein Widerspruch in sich…), nachhaltige Holzwirtschaft, Schnittblumen, ja selbst das in Verruf geratene Palmöl, und so weiter. Selbst für unbestritten gesundheitsgefährliche und giftige Produkte wie Tabak gibt es jetzt schon Ökolandbau-Siegel – für die einen ist das nur konsequent, für die anderen eine glatte Perversion. Und wem die Kriterien dieser Logos zu streng sind, der kreiert gerne mal sein eigenes. Als FSC-zertifiziertes Holz Marktanteile gewann, kam das PEFC-Logo auf, das zwar nicht viel mehr zertifiziert als die Einhaltung geltender Gesetze – aber immerhin: es ist auch ein Logo. Sowas braucht man offenbar heutzutage. Inzwischen macht sich die Erkenntnis breit, dass es fragwürdig ist, die Zertifikate-Proliferation immer weiter fortzusetzen. Aber auch Kritik kommt auf: können freiwillige Nachhaltigkeits-Zertifikate mehr erreichen als nur einem kleinen Prozentsatz von Verbrauchern (und Produzenten) ein gutes Gewissen bescheren? Die Konsequenz aus NGO-Sicht: Bestimmte Kernkomponenten solcher Nachhaltigkeitszertifikate müssen staatlich vorgegeben werden, nachdem sie sich im freiwilligen Marktsegment bewährt haben, aber auch staatlicherseits vorgegebene Nachhaltigkeitskriterien geraten in die Kritik mancher Aktivisten: die von der EU geplante Nachhaltigkeitsverordnung für Biokraftstoffe beispielsweise sei der untaugliche Versuch, darüber hinwegzutäuschen, dass es so etwas wie nachhaltige Biokraftstoffproduktion gar nicht gebe, so der Tenor.

 

Wie dem auch sei: Nachhaltigkeitszertifizierungen aller Art haben Konjunktur, und wer unsere Wirtschaftsweise Schritt für Schritt nachhaltiger machen will, kommt nicht daran vorbei, dass entsprechende Maßnahmen auch in irgendeiner Weise dokumentiert – zertifiziert – werden müssen. Das allein ist zwar noch lange nicht alles: der Planet Erde kann auch nachhaltig Schaden nehmen, wenn das Konsumniveau nachhaltig erzeugter Produkte ein bestimmtes Ausmaß übersteigt. Wenn alle Chinesen jeden Morgen zwei Tassen fair gehandelten Öko-Kaffee trinken würden, würde mit Sicherheit die nächste Hungerkrise ausbrechen, denn die dafür benötigten Kaffeeanbau-Flächen wären gigantisch. Dennoch: Zertifizierung ersetzt keine ganzheitlich angelegte Politik, aber sie spielt eine zunehmend wichtige Rolle in der Politik für nachhaltige Entwicklung. Wie geht es weiter bei der Zertifizierung? Dieser Frage geht die aktuelle Ausgabe des Rundbriefes nach.

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