Rundbrief III/2020: No New Normal | Die Welt probt den Ausnahmezustand

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Rundbrief III/2020: No New Normal | Die Welt probt den Ausnahmezustand

 

Seit Monaten leben wir anormalen Zeiten – auch wenn einige eher von einer neuen Normalität sprechen. Für normal halte ich Masken, Abstandsreglungen, Online-Treffen oder leere Theatersäle nicht – für notwendig schon. Die COVID-19-Pandemie bringt soziale, politische und ökonomische Schwachstellen deutlich zu Tage. Diese Risse waren auch schon vor März 2020 im System, jedoch sind sie stärker und sichtbarer geworden. Unser Gesellschaftssystem liegt auf der Intensivstation. Wie sieht da Heilung aus?

 

Unsere Autorinnen gehen in dieser Ausgabe der Frage nach, welche Fehler oder Schwächen im System dazu geführt haben, dass die Auswirkungen der Pandemie so gravierend waren. Gleichzeitig fragen sie, welche Lehren aus der Krise gezogen werden können und ob Hoffnung besteht, dass es in der nächsten Welle oder in einer ähnlichen Krise besser läuft.

 

Kristina Rehbein wirft einen Blick auf den Zusammenhang zwischen Corona- und Schuldenkrise. Nelly Grotefendt fragt, ob COVID-19 die Probleme des Welthandels auf die Spitze treibt, indem die Abhängig- und Anfälligkeiten des Welthandelssystems offengelegt werden. Die andauernde Krisenhaftigkeit des globalen Ernährungssystems untersucht Lena Bassermann. Sie ist optimistisch, dass die Krise eine Gelegenheit für grundlegende Veränderungen der Lebensmittelproduktion und -distribution sowie des Konsums sein kann.

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Seit Monaten leben wir anormalen Zeiten – auch wenn einige eher von einer neuen Normalität sprechen. Für normal halte ich Masken, Abstandsreglungen, Online-Treffen oder leere Theatersäle nicht – für notwendig schon. Die COVID-19-Pandemie bringt soziale, politische und ökonomische Schwachstellen deutlich zu Tage. Diese Risse waren auch schon vor März 2020 im System, jedoch sind sie stärker und sichtbarer geworden. Unser Gesellschaftssystem liegt auf der Intensivstation. Wie sieht da Heilung aus?

 

Unsere Autorinnen gehen in dieser Ausgabe der Frage nach, welche Fehler oder Schwächen im System dazu geführt haben, dass die Auswirkungen der Pandemie so gravierend waren. Gleichzeitig fragen sie, welche Lehren aus der Krise gezogen werden können und ob Hoffnung besteht, dass es in der nächsten Welle oder in einer ähnlichen Krise besser läuft.

 

Kristina Rehbein wirft einen Blick auf den Zusammenhang zwischen Corona- und Schuldenkrise. Nelly Grotefendt fragt, ob COVID-19 die Probleme des Welthandels auf die Spitze treibt, indem die Abhängig- und Anfälligkeiten des Welthandelssystems offengelegt werden. Die andauernde Krisenhaftigkeit des globalen Ernährungssystems untersucht Lena Bassermann. Sie ist optimistisch, dass die Krise eine Gelegenheit für grundlegende Veränderungen der Lebensmittelproduktion und -distribution sowie des Konsums sein kann.

 

COVID-19 wirbelt auch auf nationaler Ebene einiges durcheinander, beispielsweise in der Verkehrspolitik und im individuellen Mobilitätsverhalten. Merle Groneweg berichtet über GewinnerInnen und VerliererInnen in Sachen Fahrrad, Auto und ÖPNV. Nassim Madjidian wirft einen grundrechtssensiblen Rückblick auf die Anfangszeit der Pandemie, das eingeschränkte Versammlungsrecht und gibt einen Ausblick auf die potenzielle zweite Welle. Ein besonders erschreckendes Bild zeichnet Jana Michael, die von den Herausforderungen der MigrantInnenselbstorganisationen bzw. (post-)migrantischen Vereine berichtet. Durch die Ausbreitung des Coronavirus und die Folgen der Bekämpfung sind Nationalismus und Rassismus verstärkt zu spüren, während der dramatischen Situation von geflüchteten Menschen im In- und Ausland in der Öffentlichkeit kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

 

Wir haben es mit einer globalen Pandemie zu tun. Daher informieren in unserem Sonderteil fünf Autorinnen über spezifische Probleme in ihren Ländern, die sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung noch verstärkt haben. So erfahren wir Interessantes über die jeweilige Situation in Ecuador, Südafrika, Indien, Georgien, dem Libanon und China.

 

Mit den Eindämmungsmaßnahmen kam auch die Absage zahlreicher Konferenzen: Im Oktober hätten die Internationale Konferenz zum Chemikalienmanagement in Bonn und kurz darauf die nächste Vertragsstaatenkonferenz zur Konvention über Biologische Vielfalt in Kunming stattfinden sollen. Wo diese Prozesse aktuell stehen und wie es nun weitergeht bzw. weitergehen könnte, berichten Magdalene Trapp und Alexandra Caterbow.

 

Der Herbst bietet mehr als Kürbisse und Corona. Deutschland hat die EU-Ratspräsidentschaft inne, die internationale Handelspolitik schläft nicht. Was in den kommenden Monaten zu erwarten ist und ob ein kleines Land am Rande Europas CETA zu Fall bringen könnte, schaut sich Anne Bundschuh genauer an. Hoffnung auf Brüssel setzt auch Jana Ballenthien. Eine Krise jagt die nächste, auch die europäischen Wälder waren noch nie so vielen verschiedenen Stressfaktoren ausgesetzt wie zurzeit.

 

Wir leben in einer krisenreichen Zeit. Aber das Verhalten der Politik in der Krise lehrt, dass Berge durchaus versetzt werden können, wenn der politische Wille dafür groß genug geworden ist. Stellt sich die Frage, wer für diesen Willen heute und in Zukunft sorgen wird: schiere Notwendigkeit? Wachstumsdogmen? Oder eben doch die Verwirklichung der Menschenrechte und das Versprechen auf solidarische, ökonomisch vernünftige und die Grenzen unseres Planeten respektierende Gesellschaften.

 

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